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Wer hat Achtsamkeit erfunden und worauf basieren Achtsamkeitskurse und -programme?

Achtsamkeit ist ein zentrales Element östlicher Weisheitslehre. Diese untersuchte bereits vor mehr als 2500 Jahren die Natur unseres Denkens und unserer Emotionen und beschrieb Wege, um auf der Basis dieser Erkenntnisse das körperliche und geistige Wohlbefinden zu verbessern und in einen positiven, wohlwollenden und wohltuenden Kontakt zu uns selbst und unseren Mitmenschen zu kommen. Hier wird Achtsamkeit als etwas beschrieben, das nicht einfach durch einen einmaligen Entschluss oder eine einmalige Einsicht erreicht wird, sondern als fortlaufender Prozess, der immer wieder neuer Übung bedarf. Im Mittelpunkt der Übungspraxis steht die Meditation.

Ende der 1970er Jahre entwickelte der Molekularbiologe Prof. Dr. Jon Kabat-Zinn zusammen mit seinem Team an der Universitätsklinik von Massachusetts / USA das Programm MBSR (Abkürzung für Mindfulness Based Stress Reduction – im Deutschen: „Stress bewältigen durch Achtsamkeit“). Kabat-Zinn hatte lange Zeit selbst sowohl in verschiedenen buddhistischen Traditionen meditiert, als auch Hatha-Yoga praktiziert. Er war überzeugt, dass chronisch kranke Patienten der Klinik, bei denen schulmedizinische Therapien keine zufriedenstellende Verringerung der Beschwerden bewirken konnten, durch die Achtsamkeitspraxis eine Verbesserung ihrer Lebensqualität erreichen können. Der unter seiner Leitung entwickelte 8-wöchige MBSR-Kurs übersetzt die Kernelemente des traditionellen Konzepts von Achtsamkeit in eine westliche und zeitgemäße Sprache und verbindet sie mit Ergebnissen der aktuellen Stressforschung. Die Vermittlung der Inhalte erfolgt vor allem über die Anleitung und das Praktizieren der verschiedenen Meditationsformen und Körperübungen (aus dem Hatha-Yoga) und die individuelle und teilweise auch gemeinsame Reflexion des Erlebten und Wahrgenommenen. Außerdem gibt der Kursleiter Informationen und Anregungen, um das im Kurs Geübte im Alltag zu integrieren. Die wissenschaftliche Untersuchung der Auswirkungen des Programms auf die Teilnehmer zeigte, dass die von Kabat-Zinn erhofften Erfolge erreicht und oft sogar übertroffen wurden. MBSR wird aktuell in nur wenig veränderter Form weltweit in vielen Kliniken, aber auch in verschiedensten anderen Kontexten als Bildungs- und Präventionsprogramm angeboten und stellt das bekannteste und wissenschaftlich am umfangreichsten untersuchte Achtsamkeitsprogramm dar.

In den letzten zwei Jahrzehnten wurden von verschiedensten Personen auf der Basis von MBSR weitere Kursformate entwickelt, die entweder einen Teilaspekt der Achtsamkeit vertiefen, z.B. MBCL Mindfully Based Compassionate Living, ein achtsamkeitsbasiertes Training von (Selbst-)Mitgefühl, oder sich an eine bestimmte Zielgruppe wenden. Hier sei beispielhaft das MBCT-Programm (Mindfully Based Cognitive Therapy) für Menschen mit Depressionen oder der Kurs Mindful Parenting (Achtsamkeit und Selbstfürsorge für Eltern) genannt.

An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass es sich bei den MB…-Kursen um geschützte Formate handelt, d.h. sie folgen einem festgelegten Curriculum und dürfen nur von speziell ausgebildeten Lehrer*innen unterrichtet werden. Der Begriff Achtsamkeit hingegen ist nicht geschützt, das bedeutet, dass grundsätzlich Jede(r) Achtsamkeitskurse oder Achtsamkeitstrainings mit frei gewählten Inhalten anbieten kann. Hier lohnt es sich also genauer hinzusehen, welchen Hintergrund der jeweilige Anbieter und welchen Inhalt sein Angebot hat.